Gerald Loacker verabschiedet sich mit einer emotionalen Rede aus dem Nationalrat. Was noch zu sagen gibt: Ein paar persönliche Worte.
Vorweg: Ich kenne Gerald Loacker schon sehr lange. Persönlich. Ungewöhnlich, werden Sie denken – bin ich doch erst 22. Aber es sind tatsächlich schon über acht Jahre vergangen, seit wir uns das erste Mal gesehen haben. Auf dieser persönlichen Ebene habe ich danach freilich nie mehr einen Politker kennengelernt, das wäre als Journalist undenkbar. Und doch hat es nie ein Problem mit kritischer Berichtersattung gegeben. Es sollte jedenfalls bei unserem Aufeinandertreffen im Frühjahr 2016 nicht bei dem einen Mal bleiben. Davon aber mehr weiter unten – der Reihe nach:
„Man hat nicht auf uns gewartet, als wir 2013 in den Nationalrat eingezogen sind“, resümiert einer der bekanntesten Abgeordneten der Neos – Gerald Loacker – seine Zeit im Parlament. Insgesamt elf Jahre war der scharfzüngige Politiker im Nationalrat – von 2013, als die Neos erstmals ins Parlament eingezogen sind – bis zum Ende dieser Gesetzgebungsperiode.
Kein Berufspolitiker
Aber Loacker ist kein Berufspolitiker und war es auch nie. Der gebürtige Vorarlberger ist nämlich auch Jurist, diplomierter Personal- und Organisationsentwickler, zertifizierter Lehrlingsausbildner und gerichtlich beeideter Sachverständiger. Experten, die mit ihm zu tun hatten, wissen: Loacker kennt sich insbesondere im Arbeits- und Sozialrecht ausgezeichnet aus. Nicht zuletzt deshalb fokussierte er sich in seiner Zeit auf die Sprecherrollen Arbeit und Soziales, Wirtschaft sowie Gesundheit (neben vielen anderen Themen).
Letztere Sprecherrolle, die Gesundheit, verlangte ihm übrigens besonders viel ab. Kein Wunder: Seine Tätigkeit als Abgeordneter fiel in die nicht unwesentliche Corona-Zeit. Nicht nur bei Covid scheute sich Gerald Loacker nicht davor, eine abweichende Meinung zu vertreten – wenn es sein musste, auch gegen die Klublinie und gegen seine Klubobfrau Meinl-Reisinger. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er immer auch während dieser schweren Phase ein Auge auf uns junge Menschen hatte, die Bildung voran stellte und sich gegen die exzessiven Maßnahmen der Bundesregierung an den heimischen Schulen vehement ausgesprochen hat.
Loacker war und ist ein wirklich Liberaler. Keiner, der „ja, ich bin eh liberal, ABER“ sagen würde. So stimmte er sogar gegen die Klublinie bei der Covid-Impfpflicht – auch wenn er davor sogar deshalb zum Gespräch gebeten wurde, um sein Abstimmungsverhalten zu besprechen, wie er mir in einem Interview verriet.
Gerade aus der linken bis linksextremen Ecke kamen immer wieder Entgleisungen, Beleidigungen und schmutzige Anwürfe gegen Loacker. Klar: Wirklich Liberale tun sich gerade in Österreich schwer und mit seiner oft mehr als ehrlichen Art konnten viele Kollegen zu seiner Linken nicht wirklich umgehen. Dass sich der Vorarlberger Jurist gerade für die fleißigen (und jungen) Menschen im Land einsetzte, passte nicht allen. Inhaltlich war er gerade bei Wirtschafts- und Sozialpolitik von den Sozialdemokraten (und den Grünen, die er sozialpolitisch ohnehin immer als „Sozis“ sah) ohnehin oft meilenweit entfernt.
Telefonate am Sonntag und im Urlaub
Umso mehr überraschte es, dass er bei seiner Abschiedsrede am Mittwoch mehrere sozialdemokratische Politiker lobte: In seiner Zeit wäre der mittlerweile an einem Herzinfarkt verstorbene frühere Minister Rudolf Hundstorfer der „beste Sozialminister“ und die ebenfalls verstorbene Ex-Ministerin Sabine Oberhauser (beide SPÖ) die „beste Gesundheitsministerin“ gewesen. Die während seiner Rede vorsitzführende Doris Bures (SPÖ) sei „immer meine Lieblingspräsidentin gewesen“, sagte Loacker bei der emotionalen Rede.
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Der Neos-Politiker setzte sich aber nicht nur für die arbeitende Bevölkerung politisch ein, sondern er selber war vor allem eines: Fleißig. Wann immer seine Mitarbeiter, Kollegen – aber auch Journalisten – etwas von ihm wollten, brauchten sie nur anrufen oder eine kurze Nachricht hinterlassen. Ich persönlich erlebte es mehrmals als Journalist, wie es Loacker nicht zu blöd war, mir (aber auch vielen anderen aus meiner Branche) noch am Sonntag, am Abend oder sogar im Urlaub eine Geschichte zu erklären oder eine Frage zu beantworten. Gewiss: Nicht von jedem Journalisten war er ein Fan. Aber das ist kein Politiker.
„Da hast du aber gut aufgepasst“
Ich habe Gerald Loacker kennengelernt, als ich 13 Jahre alt war. Also als Kind. Es war ein Zufall: Ich war gerade mit einer Verwandten in einem Lokal in meinem Heimatort auf einen Kaffee gegangen. Es war ein Samstagnachmittag – es dürfte im Frühjahr 2016 gewesen sein, als ich einen „Mohr im Hemd“ verzehrte – neben uns fand eine Wahlkampfveranstaltung statt. Die Bundespräsidentschaftswahl 2016 stand nur wenige Monate bevor. Ein lokales Wahlkampfteam von Irmgard Griss veranstaltete einen Stammtisch. Mittendrin: Gerald Loacker.
Ich selber hätte mich ja nie getraut, ihn anzusprechen. Nochmal: Ich war 13. Meine Verwandte hat das dann für mich übernommen, nachdem ich ihr sagte, dass ich Loacker aus den Plenardebatten, die ich damals als Schüler lückenlos verfolgte, kennen würde. Loacker saß sich zu unserem Tisch und unterhielt sich mit mir fast eine Stunde lang. Er war erstaunt, weil ich ihm Fragen über das Pensionssystem stellte. „Da hast du aber genau aufgepasst“, meinte er. Ich entdeckte dann zufällig, dass Loacker auf seinem Twitter-Account noch am selben Tag von einem „13-jährigen Fan“ postete, „der die Flexipension kennt“.
„Fan“ war seine Interpretation, aber natürlich war ich begeistert, dass mich ein bekannter Politiker mit meinem jungen Alter für so ernst und voll genommen hat. Das war – auch im Rückblick – sehr beeindruckend. Später schickte ich ihm einen Entwurf für einen Initiativantrag im Nationalrat – es ging um das Rauchverbot an Schulen. Er hätte ihn fast bis in den Nationalrat zur Abstimmung gebracht – später sind wir draufgekommen, dass der vorhandene Missstand in der Verwaltung verursacht wurde, die Gesetzeslage war ausreichend.
„PaMi 2025“ (parlamentarischer Mitarbeiter, Anm.) schrieb Loacker dazu. Zumindest zum damaligen Zeitpunkt wusste Loacker also noch nicht, dass er bereits zuvor aus dem Parlament ausscheiden würde. Später staunte ich übrigens noch oft darüber, wie vorbehaltslos Loacker die jungen Menschen – nicht nur die seinigen oder mich – behandelte und absolut keinen Unterschied beim Alter machte. Das können auch viele Mitarbeiter bestätigen, denen der Neos-Politiker eine Chance gegeben hat. Gerade im Polit-Betrieb ist dies alles andere als selbstverständlich.
Ab in die Privatwirtschaft
Nun tritt er nach 11 Jahren Politik ab. Im Nationalrat wird er fehlen. Seine Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und sein Fachwissen werden fehlen. Gerade den Neos. Es ist auch niemand in Sicht, der seinen Platz bei den Pinken ausfüllen könnte.
Über die Gründe seines Rücktritts wurde schon viel geschrieben. Nur eines: Ich verstehe, dass Loacker geht. Wie er vor kurzem offiziell verkündete, zieht es ihn in die Privatwirtschaft, zu einem Beratungsunternehmen in seiner Heimatgemeinde Dornbirn, wo der Vorarlberger auch während seiner politischen Tätigkeit aus Wien immer wieder gerne zurückkehrte. Denn auch Wahlkreisarbeit war ihm wichtig: Kaum hatte er alle Termine in Wien erledigt, war er schon wieder im Ländle – und umgekehrt. Er versuchte wirklich, überall dort mitzuhelfen, wo es möglich war. Ein Volksvertreter halt.
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