Jedes Jahr werden Zehntausende Bewerber an österreichischen Universitäten abgewiesen. Ein Skandal, findet Marcel Mittendorfer, Geschäftsführer der Essential Academy (ESAC), im lucasammann.com-Gastkommentar.
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Es ist ein Skandal, der sich Jahr für Jahr wiederholt, aber völlig im Schatten bleibt: Zehntausende junge Menschen wollen in Österreich studieren – und werden abgewiesen. Nicht, weil sie nicht fähig wären. Nicht, weil sie zu wenig Motivation mitbrächten. Sondern weil die Unis nicht ausreichend Studienplätze zur Verfügung stellen!
2025 waren es rund 24.500 Bewerber:innen, die trotz bestandener Aufnahmeprüfung keinen Studienplatz erhielten. Vierundzwanzigtausendfünfhundert! Eine ganze Kleinstadt voller Träume, die jährlich in Österreich zerplatzen.
Drama beim MedAT
Am sichtbarsten wird das Drama in der Medizin: 12.394 Menschen traten 2025 zum Medizinaufnahmetest MedAT an, nur 1.900 durften ihr Studium daraufhin aufnehmen. Der Rest – heuer also konkret 10.494 junge, hochqualifizierte Frauen und Männer – scheiterte nicht an mangelndem Können, sondern an der knappen Quote. An der Universität für Veterinärmedizin Wien, wo nur 223 Plätze verfügbar sind, ging es ähnlich zu: über 900 Bewerber:innen wurden nach einem aufreibenden Verfahren abgewiesen.
Auch in der Psychologie stapeln sich die Abweisungen: In Wien, Innsbruck, Salzburg und Graz wurden zusammen über 3.300 Bewerber:innen zurückgewiesen. In Pharmazie, Biologie, Informatik oder Internationale Rechtswissenschaften ist das Bild dasselbe: Hunderte, die ihr Studium nicht starten können. Und besonders brutal sind die Zahlen an der WU Wien: Allein in den drei Bachelorprogrammen (WISO, Business & Economics, Wirtschaftsrecht) blieben mehr als 6.600 junge Menschen ohne einen Studienplatz. An der TU Wien waren es in Informatik, Data Science und Architektur 2025 zusammen nochmals über 2.200 Abgewiesene.
750 Millionen Euro verlorene Wertschöpfung
Rechnet man all diese Zahlen zusammen, ergibt sich die eingangs genannte Dimension: rund 24.500 Menschen haben allein im Jahr 2025 in Österreich ihr Aufnahmeverfahren bestanden, wurden aber nicht zum Studium zugelassen. Das sind 24.500 junge Leute, die ein Jahr warten müssen, die ins Ausland abwandern, oder ihre Höherqualifizierung vielleicht ganz aufgeben.
Dieser Stillstand ist nicht nur für die Betroffenen ein Drama. Er ist teuer – für uns alle. Denn jede Abweisung bedeutet ein Jahr geringere Produktivität, ein Jahr späterer Berufseinstieg, ein Jahr mehr entgangene Steuern und Sozialabgaben. Konservativ geschätzt beläuft sich der gesamtwirtschaftliche Schaden durch die Studienabweisungen auf rund 0,75 Milliarden Euro an verlorener Wertschöpfung – plus etwa 0,49 Milliarden Euro an entgangenen Staatseinnahmen. Zusammen also über 1,2 Milliarden Euro – jedes Jahr. Jahr für Jahr.
Privatuniversitäten einbeziehen
Wie kann es sein, dass wir uns gerade in Zeit des Sparens den Luxus leisten, Talente zu blockieren und Milliarden zu verbrennen? Der Ärztemangel ist seit Jahren ein Riesen-Thema, wir reden über Fachkräftemangel in der Pflege, über zu wenige Psycholog:innen, über Defizite in IT und Technik – und gleichzeitig schicken wir jährlich zehntausende motivierte junge Menschen zurück an den Start.
Das ist nicht naturgegeben. Das ist eine politische Entscheidung. Mehr Studienplätze, flexiblere Modelle, Transparenz und Investitionen in die Hochschulen wären möglich. Aber dafür bräuchte es Mut. Mut, über das Verteilungsdenken hinauszublicken und sich von der Klientelpolitik zu lösen. Mut, von den Universitäten mehr Leistung einzufordern und vor allem endlich auch die Privatuniversitäten in eine österreichische Gesamtstrategie für Innovation und Bildung einzubeziehen.
Solange wir jedenfalls diese dramatischen Abweisungszahlen still hinnehmen, akzeptieren wir ein System, das eine ganze Generation blockiert, Talente verschwendet und die Gesellschaft Milliarden kostet. Es ist höchste Zeit, das Schweigen zu brechen und zu agieren.
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Marcel Mittendorfer
Mag. Marcel Mittendorfer ist Geschäftsführer der Essential Academy. Die Essential Academy (ESAC) mit Ausbildungsprogrammen in Wien und Baden-Baden hat, als Antwort auf die zahllosen Abweisungen von Studienwerber:innen an den staatlichen Universitäten, das Konzept eines abgeschlossenen Fach-Studienganges in nur zwei Semestern entwickelt, das eine sinnvolle fachliche Zusatzausbildung zum gewünschten Haupt-Studienfach im so unfreiwillig entstandenen „gap year“ ermöglicht. Der erste solche Lehrgang findet aktuell im Fach „Praktische Psychologie“ statt, andere Fächer sind in Vorbereitung. Im Wartejahr auf die nächste Zulassungsprüfung lassen sich so u.a. zentrale psychologische Fachkompetenzen – insbesondere kritisches Denken im Umgang mit KI – erwerben, die am Arbeitsmarkt hoch nachgefragt sind. Damit gewinnen einerseits die Studierenden Orientierung und Karriereschub, und die Gesellschaft reduziert andererseits den Produktivitäts- und Steuerverlust, der durch abgewiesene Studienwerber:innen jedes Jahr entsteht.
