Johannes Gaisfuss (24) studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien, ist eigentlich ESC-Fan, rechnet aber im Gast-Essay für lucasammann.com mit dem diesjährigen ESC ab.
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Am Samstag, 16. Mai 2026, ging in der Wiener Stadthalle das Finale der 70. Ausgabe des Eurovision Song Contest (ESC) über die Bühne. Dabei bot der Bewerb neben einer Vielzahl an Überraschungen, qualitativ minderwertigen Songs, schrillen Outfits, ein aufdringliches Moderations-Duo und einen schimpfenden Vorjahressieger. Ein Rückblick.
Als mich Lucas Ammann fragte, diesen Gastkommentar zu verfassen, stellte er mich gleichsam vor eine Herkules-Aufgabe. Denn sorgte diese Ausgabe für derartig viel Gesprächsstoff, sodass sich die Frage stellt: Wo eigentlich anfangen?
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Beginnen wir vielleicht so, damit Sie mich verorten können: Ich oute mich als großer Eurovision-Fan, der sich seit 2015 noch nie eines dieser Events hat entgehen lassen. Entsprechend groß war die Freude bei mir, als JJ, bürgerlich Johannes Pietsch, 2025 in Basel mit seinem Opernpop-Song Wasted Love gewann. Nicht nur, weil das Lied – im Gegensatz zu vielen anderen – von großer Qualität zeugte, sondern auch, weil der Sieg bedeutete, dass der nächste Song Contest in Österreich ausgetragen werden wird. Endlich bot sich mir die Möglichkeit, das Event aus nächster Nähe zu erleben, den Spirit aufzusaugen, die bisher nur im TV verfolgte Veranstaltung live zu sehen.
Ja, was kann man sagen? Österreich hat alles dafür getan, um bloß nicht wieder den Song Contest ausrichten zu müssen. Das liegt nicht nur an Cosmó, der zwar bei weitem nicht der qualitativ hochwertigste Act war, den Österreich je hervorgebracht hat (wir erinnern uns positiv auch an Nicht-Siegende wie Zoë Straub 2016, Cesár Sampson 2018, Teya und Salena 2023), aber auch bei weitem nicht die qualitativ schlechteste Performance des Abends ablieferte. Im Gegenteil: Ein 19-Jähriger, der sich einem Millionenpublikum und dem Stress, der mit einer Teilnahme beim Song Contest einhergeht, derart professionell hingibt, sei ehrlich bewundert.
Viel Einheitsbrei
Generell ließ diese Edition musikalisch sehr zu wünschen übrig. Viel Einheitsbrei, billig produzierte Lieder, und dem, was man in der Bubble wohl als „Europop“ bezeichnen würde. Der bedeutende Großteil bot schräg-schrille Texte, Melodien und nicht zuletzt auch On-Stage-Performances. Schon vor dem Bewerb stand fest: Dieses Jahr wird ein Song gewinnen, der nicht an die musikalische Qualität jener der Vorjahres-Siegenden anschließen können wird. Selbst das von Wettbüros zu Favoriten stilisierte finnische Klassikpop-Duo Pete Parkkonnen und Linda Lampenius wäre in anderen Jahren nicht als potenzieller Siegeract gehandelt worden.
Was bot der Contest noch? Die deutsche Repräsentantin, die über female empowerment singt, sich aber vehement dagegen wehrt, als Feministin bezeichnet zu werden. Wie das zusammengeht? Ich weiß es nicht. Der offensichtliche Mangel an Authentizität blieb vom Publikum auch nicht unbemerkt; am Ende straften sie Sarah Engels, mit null Punkten ab. Oder lag es daran, dass ihr Titel Fire musikalisch, choreografisch und auch vom Kostüm stark an Fuego (was nebenbei bemerkt zu englisch „fire“ bedeutet), den zypriotischen Beitrag aus 2018 erinnerte?
Israel war ein Lichtblick
Mit einem der wenigen künstlerischen Lichtblicke an dem Abend wartete der israelische Sänger Noam Bettan auf, dessen souveräne Leistung vom Publikum jedoch mit Buh-Rufen bedacht wurde. Es braucht schließlich einen Sündenbock für den Israel-Gaza-Krieg, und den findet man am besten bei dem, der damit am wenigsten zu tun hat? Da haben einige Menschen den Sinn des Song Contests nicht verstanden.
Weitere Einzigartigkeit: Nur wenige der Auftretenden trafen im Finale die Töne richtig – außer JJ, der mit seinem neuen Hit Unknown, das in seinen Gewinnersong des Vorjahres überging, für ein fulminantes Opening sorgte (erst im Nachhinein vergriff er sich im Ton, dazu mehr aber später).
Lauter Trash?
Böse Zungen würde jetzt vielleicht behaupten: ESC eben, der kumuliert jenen Mist, der sonst am Markt keine Bühne finden würde. Ich gebe auch gerne zu: Ein bisschen trashy, das war er schon immer, der Song Contest. Darf und soll er auch sein. In den vergangenen Jahren gab es auch gut gemachten Trash, der nicht ganz zu Unrecht auch hätten gewinnen dürfen. Im Übrigen ist das – entgegen so mancher Kritisierenden – kein Phänomen der jüngeren Geschichte des Events: Wir erinnern uns beispielsweise an Dschingis Khan, wo die gleichnamige deutsche Band schon 1979 für eine außergewöhnliche Nummer sorgte. Das macht auch irgendwie den Spaß aus an dem Ganzen. Nur heuer? Da war das Grad an Trashyness ja kaum zu überbieten. Nicht nur musikalisch, was mich zum nächsten Punkt bringt.
Ich habe bereits angesprochen, dass der diesjährige Song Contest insgesamt mehr Luft nach oben gehabt hätte. Knapp zwölf Monate lag es in den Händen des „Host Broadcasters“ ORF, eine Show zu konzipieren und zu skripten. Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, die mindestens genauso zum Erfolg der Gesamtshow beiträgt wie die Acts selbst. Und die war deutlich schlimmer mitanzusehen als die Lied-Darbietungen. Beginnen wir mit dem Sezieren der Misere.
Logo von ChatGPT?
Ich habe so eine Theorie, was den Samen ebenjener Trashyness betrifft: das neue Logo. Anlässlich des 70. Jubiläums des Events entschied sich die European Broadcasting Union (EBU) – es war kein Einfall des ORF – für ein Refresh des seit 2015 verwendeten ikonischen Schriftzugs, der Würde und Erhabenheit, aber zugleich Dynamik symbolisierte (Randnotiz: dieser war eine leichte Abwandlung des seit 2004 bestehenden Logos). Würde und Erhabenheit strahlt das neue Markenzeichen nun definitiv nicht mehr aus, auch nicht Kreativität. Im Gegenteil. Die Reaktion der Fanbase? Spöttische Kritik: Es sehe aus, als habe ChatGPT es entworfen und wirke viel zu kindlich, so werden Getreue des Bewerbs in den Oberösterreichischen Nachrichten zitiert. „Das neue Logo hat etwas von einem Logo für eine Eismarke (z.B. Langnese)“ kommentiert ‚Jofan‘ auf dem Internet-Portal ESC-kompakt.de.
Die Verantwortlichen des ORF gaben diesem Samen anschließend durch die Konzipierung der Shows Erde und gossen ihn fleißig durch die Verpflichtung von Victoria Swarovski und Michael Ostrowski als Moderations-Duo. Ach du liebe Güte! Die besten Voraussetzungen für eine trashy Show.
Der ORF muss sparen
Wir müssen zunächst eines bedenken: Der ORF muss sparen. Wo nur möglich, wurde der Rotstift angesetzt – zulasten der Qualität. Wie eine Abschreibübung vergangener Song Contests wirkte die 70. Ausgabe, so war beispielsweise als Opening Act des zweiten Semifinales eine von Swarovski und Ostrowski Persiflage auf Wasted Love präsentiert. Sie war nicht nur – das war wohl Teil des ‚Witzes‘ – schief gesungen, sondern rief die Bilder von der Eröffnungssequenz des – ironischerweise ebenfalls – zweiten Semifinales in Malmö vor zwei Jahren in Erinnerung, worin die damaligen Moderatorinnen Petra Mede und Malin Åkerman liebevoll-gekonnt (und richtig gesungen!) Loreens Tattoo karikierten.
Insgesamt ließen sich die beiden Hosts der drei Song-Contest-Abende gern dazu hinreißen, ihr gesangliches Können in den Pausenacts der beiden Semifinale unter Beweis zu stellen. Natürlich nichts neues, das wird seit Jahren so praktiziert. Und während Sandra Studer und Hazel Brugger (feat. Stargast Petra Mede) letztes Jahr im ersten Semifinale des Bewerbs die tollsten Erfindungen der Schweiz präsentierten, tischte das österreichische Duo (feat. Stargast Go-Jo, der 2025 Australien repräsentierte) heuer – im ersten Semifinale – ein ähnliches Musikstück auf. Thema: Unterschiede zwischen Austria und Australia. Es liegt mir bis heute schwer im Magen – und durch YouTube-Kommentare nachweislich auch sämtlichen Fans auf der ganzen Welt, die den Insiderwitz nicht verstanden.
Conchita blieb Event fern
Und während Österreichs zweite noch lebende Gewinnerin Conchita dem Event aus nicht näher bekannten Gründen (es gibt aber spannende Gerüchte dazu!) fernblieb, erfreuten sich Swarovski und Ostrowski an ordentlich Screentime, die nicht überall gut ankam: Fans, aber auch Medien wie etwa t-online berichteten darüber, dass Moderations-Duo viel zu oft in Erscheinung trat. Mit furchtbar deutschem Akzent, deplatzierten und unlustigen Witzen und grotesk anmutenden Outfits. So erschien Ostrowski während der Shows unter anderem in Federkleid sowie einem pyjamaartigen Anzug, Swarovski in knappen Kleidern. Fremdscham-Alarm! Es muss ja nicht unbedingt ein Anzug mit Krawatte und ein Abendkleid sein, aber ein bisschen mehr Würde und Respekt wären schön gewesen.
Der schwerste Fehler, den Moderierende des Song Contests machen können, ist, sich für essentiell oder sogar wichtiger als die Veranstaltung zu halten. Und genau dieser Fehler wurde von den Skript-Schreibenden der Show wie auch Swarovski und Ostrowski begangen. Bei jedem Abgang mussten sie den jubelnden Fans zuwinken, teilweise erweckten sie den Anschein, als wollten sie nicht weg von der Bühne. Doch pilgern die Menschen ja nicht aufgrund der Hosts in die Arena, sondern wegen etwas, das sich Eurovision Song Contest nennt. Manche Moderierenden fallen auf sublime Art auf, weil sie sich nicht darum bemühen, aufzufallen. Ebendiese bleiben in positiver Erinnerung. Dass Swarovski zeitweise etwas ratlos erschien, wohin sie abgehen soll, zeugt von massiver Unaufmerksamkeit während der Proben. Das ist unprofessionell und gerade bei einer Veranstaltung wie dem ESC respektlos.
Nach A wie Austria kommt B wie Bulgaria
Überraschungen bot letztlich auch das Voting, wobei sich die nationalen Jurys und Publikum ausnahmsweise größtenteils einig waren: Sie kürten Bangaranga, den Beitrag Bulgariens zum Siegersong. Performt von Dara, die sich noch vor ein paar Monaten in ihrem Heimatland mit einem Shitstorm gegen ihre Person konfrontiert sah. Ihr Rücktritt von der Teilnahme in Wien stand im Raum. Nun ist sie die Siegerin. So. Hier kommt unser Vorjahressieger JJ wieder ins Spiel. Unter allen Worten und Sätzen, die er ihr hätte zurufen können, als er die Trophäe auf die Bühne brachte, war dessen erste Reaktion in Richtung Dara: „Bitch!“ Gleich dreimal drückte er auf diese Weise der Bulgarin seine ‚Anerkennung‘ aus, was seltsam erscheint, da nach der freundlichen Bedeutung nur gesucht, sie nicht aber gefunden werden kann. Unisono definieren Wörterbücher wie der Duden oder das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache den Begriff als herabwürdigend gegenüber Frauen. Erst nachdem er sich ausgeschimpft hat, erklärte er bei der Umarmung der 28-Jährigen, wie sehr er sie liebe, und er gewusst habe, dass sie gewinnen würde. Einfach merkwürdig, aber passend zum diesjährigen ESC. Vielleicht hat man sich in der Vergangenheit schon was dabei gedacht, dass die Vorjahressiegerinnen und -sieger bei der Pokalübergabe kein Mikro tragen und nicht mehr zu Wort kommen. Sollte man wieder einführen.
Ich freue mich nun zweierlei: Erstens, weil Dara eines der (vergleichsweise) besten Lieder des Abends präsentierte, sauber performte und Bulgarien ohnehin oftmals um einen verdienten Sieg gebracht wurde. Sie ist – und ich meine das völlig unironisch – eine würdige Gewinnerin. Zweitens, da sich Länder, die den Contest zum ersten Mal überhaupt oder nach sehr langer Zeit wieder ausrichten, meistens (Portugal 2018, Israel 2019, Italien 2022 wären nur ein paar Beispiele dafür) mehr ins Zeug legen, eine gute Show zu präsentieren. Was dem „Land der Musik“ definitiv nicht gelungen ist. Österreich hat aus dem Eurovision Song Contest einen Eurovision Trash Contest gemacht. Und was sagt das internationale Publikum dazu? Die flüchten sich in auf YouTube verfügbare Videos vergangener Editionen, und kommentieren Pausenacts, aber auch ganze Shows etwa so: „Who is here after the horrible show in Vienna?“
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Johannes Gaisfuss
Johannes Gaisfuss, 24, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien und arbeitet nach Anfängen im Journalismus (u.a. Wiener Zeitung, Die Furche) nun im Kultursektor. Nach Conchita Wursts Sieg beim Song Contest begann er sich für das Event zu begeistern, und verfolgt als Fan seit 2015 jede Ausgabe. Er war bei beiden Semifinalen in der Stadthalle anwesend, das Finale rezipierte er schließlich im Stream.
