Österreich spielt bei der KI keine Rolle | Bild: KI-generiertes Symbolbild

In den Wiener Kaffeehäusern wird noch über die Gefahren der Automatisierung debattiert, während im Silicon Valley bereits die nächste industrielle Revolution den Mittagstisch deckt. Man wartet hierzulande lieber ab, bis die EU-Kommission den zehnten Leitfaden zur ethischen KI-Nutzung veröffentlicht hat. In der Zwischenzeit verlieren unsere Betriebe den Anschluss. Ein Kommentar über verfehlte Wirtschaftspolitik.

Hinweis: Nachfolgend veröffentlicht lucasammann.com einen Gastbeitrag. Gastbeiträge und Gastkommentare müssen nicht zwingend der Meinung des Medieninhabers bzw. der Blattlinie von lucasammann.com entsprechen. Informationen zur Möglichkeit der Publikation von Gastkommentaren finden Sie am Ende des Beitrags.

Während man im Silicon Valley nach dem „Fast-Failure“-Prinzip agiert, kultivieren wir in Österreich die Angst vor dem ersten Schritt. Es herrscht eine beklemmende Stille im Gebälk des Standorts. Wir leisten uns den Luxus einer Beschaulichkeit, die wir uns eigentlich gar nicht mehr leisten können. Schauen wir uns das aktuelle Schauspiel am Ballhausplatz an: Bundeskanzler Stocker beschwört das „Jahr des Aufschwungs“, während wir heuer mit einem mickrigen Prozent Wachstum dahinvegetieren.

Man feiert eine „2-1-0“-Formel gegen die Inflation, als ließe sich ökonomische Dynamik wie ein Kochrezept verordnen. In Wahrheit verlieren wir uns im Gießkannenprinzip der Förderlandschaft. Anstatt echte Leuchttürme zu bauen, werden hunderte Millionen in „Offensivmaßnahmen“ versenkt, während gleichzeitig das Handelsbilanzdefizit die bittere Wahrheit spricht: Wir importieren Innovation und exportieren nur noch die Hoffnung, dass der Staat es schon richten wird.

Mentale Infrastruktur

Viel entscheidender ist jedoch die Frage der mentalen Infrastruktur. Wir leiden unter einer Vollkaskomentalität, die jede Disruption als Angriff auf den sozialen Frieden versteht. Während die Industriegiganten im Ausland auf „Agentic AI“ setzen, um ganze Prozessketten zu automatisieren, korrigieren wir in Österreich lieber die Steuerfreiheit von Überstundenzuschlägen im Kleingedruckten. Das ist Symptombekämpfung auf hohem Niveau. Man klopft sich auf die Schulter, weil der „Österreichtarif“ beim Verbund den Strompreis deckelt, ignoriert aber, dass die strukturellen Kosten unserer Industrie durch mangelnde Effizienz längst davongelaufen sind. Wir subventionieren den Status Quo, statt den schmerzhaften, aber notwendigen Strukturwandel zur Technologieführerschaft zu erzwingen.

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Zugegeben, der Schutz der Privatsphäre und die Datensicherheit sind hohe Güter, die den europäischen Wirtschaftsraum definieren. Ein „AI-Act“, die ethischen Leitplanken einzieht, ist grundsätzlich sinnvoll, um die demokratische Integrität zu wahren. Dennoch: Wir brauchen keine Überwachungsalgorithmen nach chinesischem Vorbild, die das Individuum zum gläsernen Untertanen degradieren. Vertrauen ist ein Wettbewerbsvorteil, sofern man noch am Wettbewerb teilnimmt.

Klassenkampf-Rhetorik

Wer vor lauter Angst vor dem Algorithmus die Rechenleistung drosselt, begeht wirtschaftlichen Selbstmord auf Raten. Wer Regulation als Ersatz für Innovation missversteht, wird zur digitalen Kolonie degradiert. Das ergibt Sinn für jene, die in Wahlzyklen denken, aber es ist fatal für eine Volkswirtschaft, deren Staatsschulden laut aktuellen Prognosen auf 150 Prozent des BIP zusteuern könnten. Während die Politik über neue Vermögenssteuern fantasiert – ein Klassenkampf-Relikt aus dem letzten Jahrhundert – entzieht sie dem Mittelstand das Kapital, das er für die digitale Transformation bräuchte. Wenn wir die KI-Revolution verschlafen, weil wir lieber über die Verteilung von Resten streiten, als neuen Wohlstand zu schaffen, dann wird Österreich zum Freilichtmuseum für Industriegeschichte.

Das Ergebnis? Ein schleichender Wohlstandsverlust, den kein „Konjunkturpaket“ der Welt mehr auffangen kann. Wir pumpen Steuergeld in die Erhaltung von Strukturen, die aufgrund der demografischen Entwicklung ohnehin nicht mehr haltbar sind. Anstatt die Effizienz durch KI massiv zu steigern, um den eklatanten Fachkräftemangel abzufedern, verheddern wir uns in Debatten über die Erhöhung von Sozialversicherungsbeiträgen. Das ist keine Wirtschaftspolitik, das ist Realitätsverweigerung auf Staatskosten.

Jahr der Entscheidung

Heuer ist nicht das Jahr des Aufschwungs, sondern das Jahr der Entscheidung. Wir brauchen keine weiteren „Leistungsvereinbarungen“ oder „AI-Hubs“, die nur Papier produzieren. Wir brauchen eine radikale Senkung der Lohnnebenkosten und die volle steuerliche Absetzbarkeit von KI-Investitionen.

Seien wir mal ehrlich: Wenn wir nicht schleunigst aufhören, Innovation zu verwalten, statt sie zu entfesseln, werden wir im nächsten Jahrzehnt nur noch die Museumswärter unserer eigenen Vergangenheit sein. Wir werden in unseren prachtvollen Palais sitzen, den Touristen die Geschichte des Habsburgerreichs erklären und dabei Apps benutzen, an deren Wertschöpfung wir mit null Prozent beteiligt sind.

Aufwachen!

Hören wir auf zu zaudern. Investieren wir in Rechenzentren statt in Bedenkenträger. Schaffen wir einen regulatorischen Sandkasten, in dem Experimente erlaubt sind, ohne dass sofort der Fiskus oder die Ideologen vor der Tür stehen. Wer den „Price of Inaction“ ignoriert, hat bereits verloren.

Es ist Zeit für eine Rosskur. Ohne Betäubung.

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Ein Mann mit Brille und Anzug lächelt in einem Meetingraum.
Bild: © Benedikt Schweizer

Daniel Undeutsch

Daniel Undeutsch (27) ist Experte im IT-Prozessmanagement im Finanz- und öffentlichen Sektor und als Generalsekretär des Transatlantics Club tätig. Der
Projektmanagement-Spezialist befasst sich schwerpunktmäßig mit der digitalen Transformation von Geschäftsprozessen. Er lebt in Wien und beschäftigt sich auf lucasammann.com mit dem Spannungsfeld zwischen technologischer Disruption und bürokratischer Trägheit.

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