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Leopold Aschenbrenner, Jahrgangsbester mit 19, OpenAI-Forscher, Hedgefonds-Gründer. Dieser Mensch verkörpert Aufstieg und Absturz des KI-Akzelerationismus. Sein 165-seitiges Traktat Situational Awareness: The Decade Ahead prognostiziert AGI bis 2027 und eine staatlich gelenkte Nationalisierung der Frontier-KI. Sein Fonds verlor 67 Prozent in einem einzigen Monat. Beide Geschichten liefern Europa eine klare strategische Lektion.

Leopold Aschenbrenner immatrikulierte sich mit 15 Jahren an der Columbia University und schloss sein Studium 2021 als Jahrgangsbester mit einem Dreifachabschluss in Wirtschaft, Mathematik und Statistik ab. Nach Stationen am Oxford Global Priorities Institute und beim FTX Future Fund, den er kurz vor dessen Kollaps verließ, stieß er 2023 zum Superalignment-Team von OpenAI unter Ilya Sutskever. Dort entwickelte er seine zentrale These: Gesellschaft und Märkte unterschätzen das Tempo des KI-Fortschritts systematisch, weil sie exponentielle Wachstumskurven linear lesen. Sein im Juni 2024 veröffentlichtes Traktat Situational Awareness: The Decade Ahead belegt, dass der Sprung von GPT-2 (2019) zu GPT-4 (2023), von kindlicher Texterkennung zu Abiturniveau, durch rund 4,5 bis 5 Größenordnungen an Rechenleistung getragen wurde. Denselben Sprung erwartet er bis 2027 erneut.

Intelligenzexplosion und das Projekt Manhattan der KI

Aschenbrenner beschreibt AGI nicht als Endpunkt, sondern als Startrampe. Sobald Modelle menschliche Forscher in Informatik und KI-Entwicklung ebenbürtig übertreffen, lassen sich Hunderte Millionen automatisierter KI-Forscher gleichzeitig in digitaler Geschwindigkeit einsetzen. Diese Dynamik komprimiert laut Aschenbrenner ein Jahrzehnt menschlicher Algorithmenentwicklung. Fünf oder mehr weitere Größenordnungen in weniger als ein Kalenderjahr. Das treibt die Fähigkeiten von AGI zur künstlichen Superintelligenz. Diesen Prozess bezeichnet er als Intelligenzexplosion.

Eine Entwicklung, die er für unvermeidlich hält, sobald AGI erreicht ist. Die dafür notwendige Infrastruktur erfordert Rechenzentren mit bis zu 100 Gigawatt Leistungsaufnahme und Kapitalinvestitionen von über einer Billion US-Dollar. Da private Technologieunternehmen weder die Sicherheit noch die Ausrichtung solcher Systeme gewährleisten können, prognostiziert Aschenbrenner, dass die US-Regierung bis 2027 oder 2028 die Frontier-KI-Entwicklung in einem staatlich gesicherten Nationalprogramm „The Project“ konsolidieren wird.

Hebel frisst Vision: Der Kollaps des Fonds

Ende 2024 gründete Aschenbrenner Situational Awareness LP, finanziert unter anderem von den Stripe-Gründern Patrick und John Collison sowie dem ehemaligen GitHub-CEO Nat Friedman. Der Fonds setzte auf physische Engpässe der KI-Lieferkette: Long-Positionen in Halbleiterherstellern, Rechenzentren und Energieproduzenten wie Vistra Corp und Constellation Energy; Short-Positionen gegen veraltete Unternehmenssoftware. Bis Mitte 2025/26 verwaltete er rund 20 Milliarden US-Dollar, erzielte seit Auflegung einen Nettogewinn von 439 Prozent und verlor im Juli in einem einzigen Monat 67 Prozent seines Wertes.

Long-Positionen brachen um mehr als 50 Prozent ein, während Short-Positionen durch einen Short-Squeeze stiegen. Nachschussforderungen der Banken erzwangen eine Sofortliquidation: Ken Griffins Citadel erwarb gemeinsam mit Goldman Sachs das gesamte öffentliche Aktienportfolio im Wert von 16 Milliarden US-Dollar. Aschenbrenner schrieb danach an seine Investoren: „Wir haben Sie enttäuscht“.

Europa zwischen Regulierung und Realität

Während Aschenbrenner Gigawatt-Cluster unter staatlicher Kontrolle prognostiziert, verfolgt die Europäische Union einen Governance-First-Ansatz, verankert im EU AI Act. Dieser priorisiert Risikokategorisierung, Datenschutz und Transparenz, nicht aber Rechenleistungsexpansion. Europa scheitert strukturell daran, das US-amerikanische Compute-Wachstum zu spiegeln. Industriestrompreise liegen deutlich über nordamerikanischem Niveau, Genehmigungsverfahren für Netzausbau beanspruchen mehrere Jahre und den europäischen Kapitalmärkten fehlt die institutionelle Tiefe, um die extreme Volatilität hochgehebelter Technologieinvestitionen zu absorbieren.

Österreich widmet im Rahmen des Digital Decade National Roadmap 2026 insgesamt 4,07 Milliarden Euro über 85 digitale Transformationsinitiativen. Ein pragmatischer, aber bescheidener Ansatz verglichen mit den Billionen-US-Dollar-Investitionen, die Aschenbrenner für ASI-Infrastruktur veranschlagt. 75 Prozent der österreichischen Bevölkerung befürworten laut Erhebungen eine strenge Regulierung des KI-Einsatzes. Ein Signal, das die politische Richtung vorgibt. Europäische Akteure können im Wettbewerb um Basismodelle strukturell nicht mithalten und sollten diesen Weg konsequent meiden.

Österreichs Chance liegt im Siliziumkarbid

Aschenbrenners Analyse liefert Europa eine paradoxe Botschaft: Je schneller die USA und China die KI-Infrastruktur hochskalieren, desto unverzichtbarer werden die physischen Komponenten, die Österreich bereits produziert. Infineon Technologies Austria AG, mit Hauptsitz in Villach und Standorten in Linz, Graz und Wien, erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von über 4,6 Milliarden Euro bei einer Forschungs- und Entwicklungsintensität von 15 Prozent. Das Unternehmen führt die Produktion von 200-Millimeter-Siliziumkarbid-Halbleitern an, die Energieverluste in Stromversorgungen für KI-Rechenzentren erheblich reduzieren. Die Infineon-Gruppe verdreifachte 2025 ihren Umsatz aus KI-Stromversorgungsanwendungen und prognostiziert für das Geschäftsjahr 2026 KI-Erlöse von rund 1,5 Milliarden Euro.

Österreich sollte diese industrielle Position konsequent ausbauen. Durch Erweiterung der Halbleiterfertigung, Förderung angewandter Forschungspartnerschaften wie jener zwischen Infineon Austria und der IT:U Linz sowie durch gezielte öffentliche Investitionen in Quantencomputing und eingebettete KI-Systeme. Wer die physischen Engpässe der globalen KI-Beschleunigung kontrolliert, sichert dauerhafte wirtschaftliche Renten. Unabhängig davon, welches Labor den nächsten Algorithmusdurchbruch erzielt.

Ein Mann mit Brille und Anzug lächelt in einem Meetingraum.
Bild: © Benedikt Schweizer

Daniel Undeutsch

Daniel Undeutsch (27) ist Experte im IT-Prozessmanagement im Finanz- und öffentlichen Sektor und als Generalsekretär des Transatlantics Club tätig. Der
Projektmanagement-Spezialist befasst sich schwerpunktmäßig mit der digitalen Transformation von Geschäftsprozessen. Er lebt in Wien und kommentiert auf lucasammann.com einmal im Monat die wirtschaftliche Weltlage.

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