Politik ist kein Debattierclub. Politik ist ein Boxring. Und im Ring entscheidet am Ende nicht, wer die eleganteste Fußarbeit zeigt, sondern wer im entscheidenden Moment zuschlägt. Ein Kommentar von Yannic Haimeder zur aktuellen Weltlage.
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Donald Trump lässt vieles vermissen: institutionelle Demut, diplomatische Eleganz, manchmal auch politische Contenance. Doch eine Eigenschaft besitzt er in einem Ausmaß, das in der europäischen Politik zunehmend selten geworden ist: Handlungsfähigkeit. In der internationalen Politik ist das keine Nebensache. Sie entscheidet oft darüber, ob Macht erhalten bleibt oder schleichend verloren geht.
Das zeigt sich derzeit besonders deutlich im Umgang mit dem Iran. Seit Ende Februar greifen die USA gemeinsam mit Israel militärische Ziele des Regimes an. Mehrere zentrale Akteure der Machtstruktur wurden ausgeschaltet, auch die oberste religiöse Führung in Teheran wurde getroffen. Für das iranische Regime bedeutet das einen strategischen Schlag ins Zentrum seiner Kommandostruktur.
Der Zeitpunkt dieser Operation ist kein Zufall
In den vergangenen Jahren hat Teheran mehrere geopolitische Kinnhaken einstecken müssen. Der Sturz des Assad-Regimes in Syrien hat eine zentrale Einflussachse geschwächt. Gleichzeitig stehen wichtige Stellvertreterstrukturen – von Milizen bis zu regionalen Bündnissen – zunehmend unter Druck. In der Sprache des Boxrings: Der Gegner hing bereits sichtbar in den Seilen.
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Strategisch betrachtet ist genau das der Moment, in dem erfahrene Kämpfer nachsetzen. Trotzdem kommt aus Europa vor allem Kritik. Viele Experten argumentieren, der Zeitpunkt sei falsch. Andere warnen, die Operation könne den Nahen Osten destabilisieren. Diese Argumentation wirft zwei grundlegende Fragen auf.
Erstens: Wann war der Nahe Osten zuletzt stabil?
Seit dem Ende der kolonialen Ordnung ist die Region von Rivalitäten, Machtkämpfen und Stellvertreterkonflikten geprägt. Stabilität war dort nie der Normalzustand, sondern höchstens eine kurze Verschnaufpause zwischen zwei Runden.
Zweitens: Wie lange will man auf den perfekten Moment warten?
Das iranische Regime existiert seit 1979. In diesen fast fünf Jahrzehnten hat es seine Macht im Inneren mit Repression gesichert und nach außen ein Netzwerk aus Milizen, Terrororganisationen und Stellvertreterkriegen aufgebaut. Israel ist dabei das wichtigste Feindbild des Regimes. Der „richtige Zeitpunkt“ für eine Konfrontation wurde in dieser Zeit immer wieder beschworen – und ebenso regelmäßig vertagt. Im Boxring führt diese Strategie selten zum Sieg. Wer zu lange auf die perfekte Lücke wartet, kassiert in der Zwischenzeit Treffer.
Ein weiterer Kritikpunkt lautet: Das Völkerrecht
Das Völkerrecht ist zweifellos eine zentrale Errungenschaft internationaler Ordnung. Gleichzeitig ist es in geopolitischen Konflikten längst auch ein politisches Instrument geworden – ein Argument, ein diplomatischer Hebel, gelegentlich auch ein Schutzschild für Regime, die selbst kaum Interesse an internationalen Normen zeigen.
Dieses Spannungsfeld zeigte sich bereits bei früheren amerikanischen Interventionen, etwa beim Sturz des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro. Damals verurteilten europäische Diplomaten und russische Vertreter die Operation gleichermaßen als Bruch des Völkerrechts. Bemerkenswert war dabei vor allem der Absender dieser Kritik: Russland führte zu diesem Zeitpunkt bereits einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Noch interessanter sind jedoch die strategischen Effekte solcher Interventionen.
Treffer mit Wirkung über mehrere Runden
Sowohl Iran als auch Venezuela gehören zu den wichtigsten Partnern Russlands. Iranische Drohnentechnologie spielt eine zentrale Rolle im russischen Krieg gegen die Ukraine. Venezuelas Ölpolitik wiederum stabilisierte über Jahre hinweg einen globalen Ölpreis, der Moskau wichtige Einnahmen sicherte. Geraten zwei zentrale Partner Russlands gleichzeitig unter massiven Druck, verändert das zwangsläufig auch die strategische Ausgangslage des Kreml.
Der Effekt reicht noch weiter. Auch China ist Teil dieser Gleichung. Iran und Venezuela gehören zu wichtigen Energielieferanten für Peking. Werden diese Lieferketten unsicher oder politisch riskanter, verschiebt sich auch Chinas energiepolitische Kalkulation. In geopolitischer Perspektive bedeutet das: Die Schwächung eines regionalen Akteurs kann mehrere globale Machtachsen gleichzeitig treffen. Im Boxring nennt man das einen Treffer mit Wirkung über mehrere Runden.
Trump hat sich entschieden zu kämpfen
Noch ein Nebeneffekt ist bemerkenswert. Die harte Rhetorik der Trump-Administration hat in Europa eine Debatte ausgelöst, die längst überfällig war: Verteidigung ist eine Kernaufgabe des Staates – und keine Dienstleistung, die man dauerhaft an Verbündete auslagern kann. Dass diese Erkenntnis erst unter massivem amerikanischem Druck reift, sagt möglicherweise mehr über Europas strategische Kultur aus als über Donald Trump.
Man kann Trumps Stil kritisieren. Dafür gibt es genügend Gründe. Doch in der Logik internationaler Machtpolitik zählt am Ende eine andere Frage: Wer steht im Ring – und wer kommentiert nur von außen? Trump hat sich entschieden zu kämpfen. Europa diskutiert noch darüber, welche Farbe der Boxhandschuhe politisch korrekt wäre.
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Yannic Haimeder
Yannic Haimeder (26) ist im Bereich politische Kommunikation und Public Affairs tätig. Er ist Vizepräsident des Transatlantic Club, eines überparteilichen Netzwerks für junge Entscheidungsträger, das den transatlantischen Dialog zwischen Europa und Nordamerika fördert. In seiner Funktion befasst er sich insbesondere mit geopolitischen Entwicklungen, transatlantischen Beziehungen sowie Fragen der internationalen politischen Kommunikation und Interessenvertretung.
