Von Lucas Ammann

Kommentar. Jahrzehnte über sind wir in einem uralten, verkrusteten und unflexiblen Bildungssystem steckengeblieben. Das Coronavirus hat uns die Chance eröffnet, diesen Stillstand auch langfristig zu durchbrechen.

Mitte März, also vor gut einem Monat, mussten die Schüler und ihre Lehrer – zumindest an der Oberstufe – auf das Lernen aus der Distanz umstellen. Zwar war diese Verlagerung des Unterrichts in das Kinderzimmer zu überstürzt, dennoch bietet sie eine Chance.

Aber der Reihe nach: Am Mittwoch, den 11. März 2020 hat es erstmals einen Bericht gegeben, dass die Schule „etappenweise geschlossen werden soll“ – wie es in der Überschrift eines Artikels von Oliver Pink von der Presse hieß. Weiter unten im Beitrag erklärt er dann ein ganz spannendes System, nachdem die Schulen ihren Unterricht vorübergehend abwickeln sollen. Mit dem Lead des Artikels hatte diese Beschreibung zwar wenig zu tun; es kam aber ohnehin anders.

Schon die Tage zuvor hörte ich immer wieder, dass geplant sei, die Schulen zu „schließen“. Bis Mittwoch sickerte durch, dass es tatsächlich dazu kommen sollte. Man hörte weiters, dass die Maßnahme umstritten war und bis zuletzt diskutiert wurde. Und auch die Entscheidungsträger selber sollen nicht wirklich gewusst haben, ob sie das Richtige beschließen. Das ist natürlich auch ein Stück nachvollziehbar in so einer „Krise“.

Praktisch über Nacht wurde auf „Home-Schooling“, wie es Neudeutsch so schön heißt, umgestellt – größtenteils über digitale Methoden. Das funktionierte mal besser und mal weniger gut.

Nun tippen Österreichs Schüler auf der Tastatur.

Was aber jedenfalls gut ist: Endlich wurden die starren Strukturen im österreichischen Bildungssystems, die immer noch aus der Zeit des Absolutismus von stammen, zumindest etwas gelöst. Es gibt nun so etwas wie Individualität. Sprich etwas, wo Lehrpersonen auf die verschiedensten Bedürfnisse der Schüler eingehen können – und nach den Erlässen des Bundesministers für Bildung sogar müssen.

Es wurde etwas geschaffen, was es zuvor nie gab: Jeder Schüler kann seine Zeit nun eigenständig einteilen. Eine Freiheit, die es nicht einmal in vielen Berufen später gibt – zumindest bis zur sogenannten „Coronakrise“. Lehrer unterhalten sich mit den Schülern alleine, gehen auf sie ein, können abschätzen, was sie brauchen. In einer Klasse mit über 20 Schülerinnen und Schüler ein Ding der Unmöglichkeit.

Viele verwaltungstechnische Hürden Fallen weg. So ist eine Schulfreistellung – die es zwar zugegebenermaßen in diesen Zeiten ohnehin weniger braucht – gar nicht notwendig, wenn ein engagierter Schüler ein für ihn vermutlich profitableres Ereignis im Vergleich zur Schule absolvieren möchte.

Auch digitales Lernen geht jetzt. Jeder kann jenes Hilfsmittel verwenden, welches er bevorzugt. Jemand arbeitet gerne am Computer – ein anderer druckt sich das Arbeitsblatt lieber aus. Diese vielen Vorzüge – nicht zuletzt auch, dass die Schüler endlich ausgeschlafen arbeiten können (und viele Vorteile mehr) – müssen wir jetzt beibehalten. Über Jahre wurden leistungsstarke Schüler nicht gefördert. Nach dieser „Krise“ wäre die Gelegenheit, ihnen eine Vertiefung anzubieten – und zwar in jene Gegenstände, die sie besonders interessieren. Und wenn es Schüler gibt, die keinen „Präsenzunterricht“ benötigen, können die nun angewandten fortschrittlicheren Methoden angewandt werden.

Der Haken an der Sache

Das Problem: Das geht alles nicht jetzt. Dafür braucht es Zeit: Die Lehrer müssen für digitale Unterrichtsmethoden ausgebildet werden, die Schüler brauchen eine Grundausbildung im vernünftigen Umgang mit Computer, Handy und Co (was im Übrigen auch von Bildungspolitikern vergessen wird) und es muss auch Hardware vom Staat her, obwohl gleichzeitig die Privatsphäre der Schüler (und Lehrer) gewahrt werden muss. Gar kein leichtes Unterfangen. Dafür müsste die Politik endlich die Experten befragen.

Wer sind denn diese „Experten“?

Wenn ich in diesem Zusammenhang von „Experten“ spreche, meine ich nicht nur Wissenschaftler, die sich mit dem Bildungssystem (oder beispielsweise auch dem Datenschutz) beschäftigen, sondern vor allem auch die Schüler, die Lehrer, von mir aus auch bis zu einem gewissen Alter der Schüler die Eltern. Und bitte nicht mit dem „Schülervertretern“ kommen: Diese sind zwar „gewählt“, das muss man aber auch unter Anführungszeichen setzen – denn diese Wahl findet unter genauso veralteten und nicht sehr demokratischen Umständen statt. Die Wahl der Bundesschulsprecherin, der in diesen Tagen offenbar nichts Besseres einfällt, als die Regierungspolitik zu verteidigen, erfolgt nämlich nicht durch die Schüler. Vielmehr erfolgt diese von den Landesschulsprechern, die wiederum nur von Schülervertretern gewählt werden.

Würde man also mehr auf die wirklichen Experten hören, könnten wir endlich zu einem Durchbruch in diesem „Bildungssystem“, das sich in der Praxis viel zu oft nur als Wissenssystem (zumindest im Bereich der Schulen) erweist, kommen.

Was es wirklich braucht

Was wir nun – neben dem Durchbruch nach der „Krise“ brauchen – ist ein ausgeklügeltes System, bei dem klar ist, was zu tun ist. Was wir nicht brauchen ist jedenfalls das von der Bundesschulsprecherin „im Notfall“ geforderte Instrument für „digitale Prüfungen“. Vielmehr ist eine klare Rechtslage notwendig, an dem sich vor allem auch interessierte Schüler orientieren können. Und wir brauchen die Aufklärung der Lehrer über diese Rechtslage – nachdem das schon mit dem „alten“ Schulrecht nicht funktioniert hatte.

Wir brauchen auch die schnellstmögliche Rückkehr in den Schulbetrieb – dann müssen wir aber die angesprochenen notwendigen Reformen unter Einbindung der wirklichen Experten umsetzen.

Endlich Klarheit!

Mit der fatalen Kommunikation der Regierung könnte man Bücher füllen. An anderer Stelle sage ich mehr dazu. Nur so viel: Es ist unerträglich, wie Schüler, Lehrer (und Eltern) im Unklaren gehalten werden, wie es weitergeht. Schon klar, dass niemand Hellseher ist und wissen kann, wie sich die Pandemie entwickelt. Aber grundsätzliche Regeln hätte man schon lange umsetzen können.

Und dann geht es um die angesprochene Kommunikation: Die Regierungen unter Sebastian Kurz legten immer schon großen Wert auf Inszenierung. Das kommt während der „Krise“ besonders deutlich zum Vorschein: Es geht weniger um Inhalte, mehr um Beliebtheit und Aufmerksamkeit. Die Schüler und Lehrer werden etwa nicht persönlich informiert – nicht einmal die Direktoren erhalten als erstes die für die Schulen essentiellen Informationen. Nein, es wird natürlich eine Pressekonferenz nach der anderen veranstaltet!

Diese Woche besonders pikant: Am Beginn 17. Kalenderwoche kündigten Kanzler Kurz und Vizekanzler Kogler „die schrittweise Öffnung der Schulen“ an. Viele Medien berichteten das dann wortwörtlich auch so. Nur: Was heißt das? Ein „normaler Unterricht“ zu veranstalten wäre laut dem Kanzler „fahrlässig“.

Um was geht es also wirklich? Ganz einfach: Die Regierungsspitze (insbesondere Kanzler Kurz) brauchte Anfang der Woche die große Schlagzeile, viel Aufmerksamkeit, um zu sagen, dass am Freitag der Bildungsminister mehr – also überhaupt etwas – dazu sagen werde. In Wahrheit geht es darum, gleich zweimal Aufmerksamkeit zu bekommen. Am Freitag wird es wieder große Überschriften und Sensationsmeldungen geben, was sich denn nicht schon wieder alles verändern werde.

(la)

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Von Lucas Ammann

Lucas Ammann betreibt eine eigene Website und schreibt als freier Journalist für verschiedene Medien. Mehr unter "Über mich".

2 Gedanken zu „Warum Corona eine Chance ist“

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